Die Geschichte hinter Selbstwaerts

Ich würde behaupten, dass so ziemlich jede Person, die den Tiefpunkt ihrer Essstörung hinter sich hat, im Nachhinein berichten kann, wie einsam diese Erkrankung macht. Ich selbst habe es jedenfalls so empfunden und bisher hat mir jede Person, mit der ich darüber gesprochen habe, das gleiche erzählt. Und ja, ich kann nur von mir sprechen, aber die Erfahrung zeigt, dass ich damit nicht allein bin.

Ich verbinde meine Essstörung mit der Isolation und dem Rückzug von meinem Umfeld, so als hätte jemand eine Mauer aufgebaut, die mich von allem, was ich liebe, abschottet. Ich war noch in der Lage, Zeit mit den Menschen zu verbringen, die mir wichtig sind und auch mit diesen zu interagieren, aber hinter der Mauer gab’s nur die Anorexie und mich. Und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht lange versucht habe, gegen sie anzukämpfen. Letztendlich war sie aber immer lauter, als ich ertragen konnte und präsenter, als ich’s mir für meine jüngere Version gewünscht hätte. Und ja, es gab viele Leute, die auf mich eingeredet haben, die versucht haben zu helfen. Aber alles erschien so weit weg. Ich habe zwar immer noch irgendwie funktioniert, meinen Alltag mehr schlecht als recht bewältigt und war nie ganz disconnected von meiner Umwelt, aber gleichzeitig wurde diese Erkrankung der größte und wichtigste Teil meines Lebens, weil es sich so angefühlt hat, als wäre sie alles, was ich habe. Und hinter meiner Mauer war das auch irgendwie so.

Also ja, Isolation trifft es ziemlich genau. Vielleicht auch, weil meine Essstörung genau dadurch im ersten Lockdown wieder richtig schlimm wurde. Und auch danach bin ich aus diesem Rückzug nicht mehr richtig rausgekommen, weil Gefühle wie Scham und die Fähigkeit, es rational gesehen „besser zu wissen“, mir noch mehr das Gefühl gegeben haben, dass mit mir etwas nicht stimmt. Aber was geholfen hat, waren Bücher, Filme, Serien oder Dokus, in denen Betroffene von ihrer Krankheit berichtet haben. Das zu lesen, zu hören und zu sehen hat mir gezeigt, dass ich nicht komplett den Verstand verloren habe. Oder zumindest, dass ich, wenn es so wäre, damit nicht allein bin.

Und genau dieses Gefühl ist mir irgendwie im Kopf geblieben. Dieses „nicht allein sein“, meine ich. Weil es so simpel klingt, aber für mich einen riesigen Unterschied gemacht hat. Ich glaube, dass ich aus dieser Erkenntnis heraus irgendwann den Wunsch entwickelt habe, selbst so einen Raum zu schaffen. Einen Ort, an dem man nicht erst erklären muss, warum man sich so fühlt, weil es alle Anwesenden sowieso zum Großteil verstehen. Einen Ort, an dem nicht nur die „guten“ Tage Platz haben, sondern auch das, was zwischen den Zeilen vielleicht untergeht.  Und etwas, das anders ist als das, was in meinem Kopf passiert: ein sicherer Ort, an dem (man) nicht direkt bewertet wird.

Ich habe früher viel Recovery-Content auf Social Media hochgeladen und nie habe ich mich verbundener gefühlt als in den Momenten des Austauschs und des Gesehenwerdens. Gleichzeitig habe ich aber auch gemerkt, wie schnell dort Vergleiche entstehen. Wie viel Druck, Wettbewerbstendenzen, unangemessene Kommentare und Trigger dort zum Teil mitschwingen. Und genau das hat mich oft wieder von dem Gefühl entfernt, das ich eigentlich gesucht habe. Ich glaube, ich habe mir einfach etwas gewünscht, das sich ruhiger anfühlt, sicherer und vor allem auch ehrlicher.

Und daraus ist letztes Jahr die Idee für Selbstwaerts entstanden. Seitdem baue ich das Konzept immer weiter aus und finde immer öfter Dinge, die ich unbedingt integrieren möchte. Diese Gruppe ist für mich nicht einfach nur das nächste aufregende Projekt [obwohl es doch sehr aufregend ist], sondern etwas, was ich aus tiefster Überzeugung und mit ganzem Herzen mache.

Ich glaube, dass da ganz viel Großartiges auf uns zukommt und dass wir alle stärker als diese Stimme in unserem Kopf sind. Ich bin bereit diesen Abschnitt zu starten und kann es kaum erwarten, alles in die Realität umzusetzen. Nun fühlt es sich wie der passende Zeitpunkt an, die nächsten Schritte zu gehen. Nicht, weil ich alle Lösungen habe und auch nicht, weil ich sagen kann, dass ich „geheilt“ bin. Sondern eher, weil ich weiß, wie es sich anfühlt, mit all dem allein zu sein. Wie schwer es ist, heutzutage einen passenden Therapieplatz zu finden und wie schnell man sich in der Diätkultur und dem ständigen „Zu viel und gleichzeitig nie genug fühlen“ verliert.

Ich habe lange gedacht, dass der Verlust meiner Essstörung das Ende meiner Geschichte bedeutet. Aber wie sich herausgestellt hat, fängt meine Geschichte mit dem Abschluss dieses Kapitels erst richtig an. Und vielleicht ist das bei dir ja auch so?